Von Enzensberger, Tatort, Rainald Grebe und der Mittelklasse

Es ist Sonntag, und Sonntag heißt: Tatort. Aber für viele Literaturblogs heißt Sonntag auch Lyrik, teils wöchentlich, teils in loser Folge. Wie passt das nur zusammen?

Ganz einfach: Allwöchentlich braucht der Durchschnittsdeutsche einen Krimi, wie auch der Spiegel vor Kurzem titelte. Der Tatort ist das liebste Kind der deutschen Mittelklasse, oder vielleicht das zweitliebste, gleich nach dem Sich-Beklagen, dem Nörgeln und Herumklittern.

Hans Magnus Enzensberger hat die Befindlichkeit der deutschen Mittelklasse mit seinem „middle class blues“ in ein lyrisches Kleinod gegossen.

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middle class blues

wir können nicht klagen.
die verhältnisse sind geordnet.
wir sind satt.
wir essen.

das gras wächst.
das sozialprodukt,
der fingernagel,
die vergangenheit.

die strassen sind leer.
die abschlüsse sind perfekt.
die sirenen schweigen.
das geht vorüber.

die toten haben ihr testament gemacht.
der regen hat nachgelassen.
der krieg ist noch nicht erklärt.
das hat keine eile.

wir essen das gras.
wir essen das sozialprodukt.
wir essen die fingernägel.
wir essen die vergangenheit.

wir haben nichts zu verheimlichen.
wir haben nichts zu versäumen.
wir haben nichts zu sagen.
wir haben.

die uhr ist aufgezogen.
wir haben zu tun.
die teller sind abgespült.
der letzte autobus fährt vorbei.

er ist leer

wir können nicht klagen.

worauf warten wir noch?

Hans Magnus Enzensberger, Blindenschrift, Suhrkamp 1964

Auch der zeitweise geniale Rainald Grebe hat sich mit der Mittelklasse in seinem Lied „Familie Gold“ befasst, ähnlich bluesig, ähnlich lakonisch:

Viel Spaß beim Tatort! Und beim Nörgeln darüber. Ich bin dabei.

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