Gottfried Keller: Kleider machen Leute – im neuen Gewand

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Kellers „Kleider machen Leute“, erstmals erschienen 1874, gehört längst zum illustren Kreis der ewigen Schulbuchklassiker – und hat daher eine entsprechend dicke Staubschicht angesetzt. Die Edition Büchergilde und der Illustrator Martin Krusche schicken sich nun mit einer Neuausgabe an, den Feudel zu schwingen und die Staubschicht endgültig abzutragen. Dabei herausgekommen ist eine „Graphic Novel“, was auch so auf dem Cover steht. Ob dieser Relaunch eines alten Stoffes gelingt?

Da so gut wie jedem in der Schule die Lektüre von Kellers Meisterwerk aufgedrängt wurde, will ich zur Handlung rund um den Schneidergesellen Wenzel Strapinski, sein Nettchen und die Städte Seldwyla und Goldach nicht viele Worte verlieren. Die „Moral von der Geschicht’“, die Keller kundenfreundlich bereits im Titel mitserviert hat, ist nicht nur ein wenig trivial, sondern auch wohl jedem bekannt.

Spannender ist, was Krusche aus dem mittlerweile über 140 Jahre alten Text macht. Da hier der Marketingbegriff „Graphic Novel“ bereits auf dem Cover steht, ist natürlich größte Skepsis angesagt. Tatsächlich mäandriert Krusche grafisch bewusst zwischen klassischer Panelstruktur, vielen Splashpages und Spreads sowie Anleihen beim illustrierten Roman. Das Ganze ergibt eine hochdynamische Melange, die zu Recht – von allen Marketing-Kampfbegriffen und der damit einhergehenden berechtigten Kritik des Begriffs einmal abgesehen – im reinen Wortsinne als „grafische Novelle“ bezeichnet werden könnte.

Der Illustrator überträgt den Stoff von „Kleider machen Leute“ in die heutige Zeit, ist dabei aber wenig konsequent: Aus urtümlichem Pöbel werden Punks, aus einem Schneiderladen wird die Textilindustrie, dennoch gibt es nach wie vor Kutschen und die handelnden Personen machen keinen Unterschied zur Vorlage, auch bei den Kleidern nur eingeschränkt. Mit etwas mehr Mut hätte Krusche sich vom Original stärker gelöst und, hier sei einmal frei assoziiert, die heutige Glamour-Welt der Hochfinanz oder der Medien mit eingebaut, um den Stoff zu aktualisieren. Dies bleibt aus; Nostalgiker wie ich, die das Original sehr schätzen, verzeihen dies jedoch.

Krusche nutzt vor allem Blau- und Rottöne und deutet dabei an, dass das (adelige?) Blau für die feine Gesellschaft Goldachs, das Rostrot für die Leute von Seldwyla steht. Ich bin kein Freund derartig reduzierter Farbgebung, mit der eine Geschichte in ein bestimmtes Farbtonkorsett gezwängt wird. Krusche hat sich dafür entschieden, und innerhalb dieses Korsetts ist seine Koloration gelungen.

Was mir ausnehmend gut gefällt: Die grafische Darstellung des Moments der Entlarvung Wenzels. Hier wird in der Metapher des Ertrinkens die tiefe Scham deutlich, die Wenzel befällt. Diese Schlüsselszene von „Kleider machen Leute“, mit der die Erzählung steht und fällt, vermag den Leser auch in Krusches Arbeit zu packen.

Leider geht Krusche mit dem Vorlagentext äußerst sparsam um. Überhaupt macht Krusche nicht viele Worte – für meine Begriffe zu wenige. Die Charaktere bleiben ein wenig blass, vor allem Wenzel. Hier hätte man der Textebene deutlich mehr Raum geben können.

Zum Glück gibt es aber dafür, wie bei der Büchergilde üblich, den Text des Klassikers gleich mitgeliefert: Nach dem „Graphic“-Teil kommt in dieser Ausgabe der „Novel“-Bereich mit dem vollständigen Text Kellers. Und hier zeigt sich, warum der Relaunch – trotz obiger kleiner Stolpersteine – gelingt: Die Edition Büchergilde legt meiner Meinung nach das ideale Schulbuch vor. Von Staub jedenfalls keine Spur mehr.

Als Schüler jedenfalls hätte ich eine solche Schullektüre, Keller in Text und Krusche in Bild, sehr gerne gelesen.

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