E.M. Forster – „Die Maschine steht still“ – Alte Gedanken aus der Zukunft

Ach, wenn sie doch nur einmal still stünde, die Maschine! Wer kennt das nicht? Noch kurz eine WhatsApp-Nachricht beantworten. Schnell Twitter checken. Eben noch den spannenden Artikel zu Ende lesen – wir legen das Smartphone nahezu gar nicht mehr aus der Hand. Sind damit Teil eines weltumspannenden Systems, das mehr über uns weiß als wir über das System wissen. Und das ist brandgefährlich.

Literarische Kulturkritik am Digitalen

Die in weiten Teilen berechtigte Kritik an der (vor allem datenschutzrechtlich) problematischen Landnahme des Netzes greift sich seit einigen Jahren auch literarische Bahn. Zu nennen ist hier zum einen Dave Eggers‘ großartige Silicon-Valley-Dystopie „The Circle„, mit der er imaginierte, wie eine weltumspannende Diktatur ausgerechnet aus einem ach so fortschrittlichen, demokratischen, diversifizierten, liberalen Unternehmen wie Google, Facebook und Co. entstehen kann.  Zum anderen schlägt in eine ähnliche Kerbe der Gewinner des Friedenspreis‘ des deutschen Buchhandels aus dem Jahre 2014, Jaron Lanier. Von Letzterem stammt aus der Dankesrede zur Preisverleihung der schöne Satz: „Ohne Menschen sind Computer Raumwärmer, die Muster erzeugen.“

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Was aber hat das jüngst bei HoCa erschienene Werk „Die Maschine steht still“ von E.M. Forster mit alldem zu tun?

Warum die Maschine siegt

Forsters kurze Erzählung erschien erstmals 1909. Der Inhalt ist schnell wiedergegeben: Nach einer unbekannten Katastrophe, die das Leben an der Erdoberfläche (scheinbar) unmöglich gemacht hat, leben die Menschen in kleinen, Bienenwaben ähnelnden Räumen unter der Erde. All diese Millionen von Waben sind miteinander verknüpft, jeder Mensch bewohnt nur eine Wabe, gemeinsames Wohnen ist nicht vorgesehen und kulturell auch nicht statthaft. Alle Waben und damit alle Menschen werden von der MASCHINE gesteuert – einem zentralen System, das einfach da ist, verselbständigt, (zunächst) unhinterfragt. Die MASCHINE ist überall, handelt für alle und mit allen und verschafft sich Legitimation, indem sie alle basalen Bedürfnisse der Menschen erfüllt. Man telefoniert, skyped sogar mit Mitmenschen rund um die Welt, verlässt aber keinesfalls seine eigene Wabe – das heißt, nur dann, wenn es sein muss.

Im Fall von Vashti, einer kleinen, mittelalten Frau mit der Überzeugung, dass das Leben in der Wabe, kontrolliert von der MASCHINE, das beste aller möglichen Leben ist, muss es aber sein: Sie besucht ihren Sohn, der am anderen Ende der Welt lebt – und ihr offenbart, dass er regelwidrig an die Erdoberfläche gereist ist. Das Drama beginnt, es entwickelt sich ein Aufstand und die Katastrophe lässt nicht mehr lange auf sich warten.

Den hohen Wert von Forsters Erzählung erahnt man, wenn man sich die Entstehungszeit vergegenwärtigt: 1909 gab es, mit viel Glück, mal gerade irgendwo ein Telefon zu sehen. Noch längst nicht jedes Haus, geschweige denn Privathaus, hatte elektrisches Licht. Forster nimmt nun, vor über 100 Jahren, Entwicklungen literarisch vorweg, die aktueller nicht sein könnten: Wer den Blick auf sein Smartphone richtet, verharrt für den Moment in seiner Wabe – und lässt die Maschine über sich verfügen. Die Einsamkeit, die sich trotz enormer Vernetzung unweigerlich einstellt, ist ein momentanes Zeitgeistgrundgefühl, das Forster nur mit Hilfe einer Zeitmaschine erahnt haben konnte.

Liest sich das Ganze wie Orwells 1984? Nein, dafür ist es zu kurz. Ist Forsters Erzählung so wirkmächtig wie Huxleys Schöne Neue Welt? Nein, dafür ist sie zu kurz. Gibt es noch ein anderes Manko als die Kürze der Erzählung? Nein, dafür ist sie zu gut.

Es ist beizeiten heilsam, sich dem allgegenwärtigen Digitalkult für ein paar Augenblicke zu verschließen. Und sei es auch nur für einen schönen Abend mit einer sehr guten dystopischen Erzählung. Als ich „Die Maschine steht still“ durchgelesen hatte, habe ich dann jedoch als erstes einem guten Freund via WhatsApp getextet, wie lesenswert das Buch sei. 1:0 für dich, MASCHINE.

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