Dave Eggers – "The Circle": Diktatur aus Glas

Mitte Mai entschied der Europäische Gerichtshof, dass dem Einzelnen ein Recht auf Vergessenwerden zusteht. Niemand muss fürchten, dass falsche Informationen bis ans Ende aller Tage in den digitalen Untiefen der Cloud auffindbar sind. Das Recht auf Vergessenwerden, das auch in einer neuen Datenschutzrichtlinie enthalten sein wird, an der derzeit die EU-Kommission arbeitet, korrespondiert eng mit einem anderen, wichtigeren, sehr viel älteren Menschenrecht: Dem Recht, sich rauszuhalten. Nicht mitzumachen. Zu verschwinden und alleine für sich zu sein. Ganz privat.

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In Dave Eggers‘ nicht nur aufgrund der Veröffentlichung brandaktuellem Roman – The Circle erschien in Deutschland bei KiWi am 14. August – geht es um eine Welt, in der stückweise der alte Gedanke der privaten Freiheit dem technologischen Fortschritt geopfert wird. Und das in aller denkbaren Radikalität.

Jung, dynamisch, beeinflussbar

Mae Holland heißt die Protagonistin, und sie ist von Anfang an hochsympathisch. 24 Jahre jung, hat sie nach dem Studium anderthalb Jahre einen langweiligen Job bei den Stadtwerken gemacht. Das soll sich jedoch schlagartig ändern, als sie durch den Kontakt zu ihrer besten Freundin Annie einen Job in der begehrtesten Firma der Welt bekommt: Mae wird Mitarbeiterin des „Circle“, einem gigantischen Internetkonzern im Silicon Valley. Der Circle, gegründet von einem Wunderkind im College-Alter (woher kennen wir das nur?) namens Ty, mittlerweile gesteuert von entrückten Visionären und aalglatten Manager-Haien, hat geschafft, was heute in weiter Ferne zu liegen scheint. Die Funktionen der wichtigsten Internet- und Technologiekonzerne hat der Circle unter einem Dach vereint; es gibt keine Anonymität mehr, denn der Circle-Dienst „TruYou“ lässt alle Netzbewohner nur unter ihren wahren Identitäten auftreten, wenn sie all das tun, was heute Google, Twitter, Facebook, Amazon und andere unter sich aufteilen.

Mae, anfänglich skeptisch, wird nach einigen Rückschlägen zu einer Vorzeigemitarbeiterin. Der Circle gewinnt, nicht zuletzt durch Maes Einsatz, immer mehr Macht. Schließlich bahnt sich eine Katastrophe an, denn die Vollendung des Circle steht bevor: Die totale Überwachung aller Lebensbereiche, die uneingeschränkte Offenlegung jedweder nur denkbaren Information. Eine weltumspannende, ungefilterte Pflicht-Demokratie. Eine Diktatur aus Glas.

The Circle im Spiegel großer Dystopie-Klassiker

Darf man Eggers in eine Reihe mit Orwell, Huxley und Bradbury stellen?

Mir sind im Vergleich zu den Genannten vor allem drei maßgebliche Unterschiede aufgefallen. The Circle wird gehyped, sodass ich die Lektüre mit der gebotenen Portion Skepsis begann. Leider erfolglos: Das Buch bereitet diebische Freude, auch und gerade, wenn der Schrecken zunimmt. Eggers legt einen spannenden und aufgrund des teils mehr, teils weniger subtilen Sarkasmus auch – zumindest in der ersten Hälfte – humorvollen Roman vor, der sich durch einen besonders hohen Grand an Realismus auszeichnet. Realismus deshalb, weil Eggers keine entrückte Zukunft beschreibt, wie einige seiner Kollegen aus dem Bereich der literarischen Dystopien. Bei allen drei großen Vertretern der politischen Dystopie – Orwells 1984, Huxleys Schöne Neue Welt, Bradburys Fahrenheit 451 – spielt die Geschichte in einer (bei 1984 zumindest beim Erscheinungsdatum) fernen Zukunft. Eggers Roman spielt jedoch in einer Zukunft, die wohl nur wenige Jahre von uns entfernt liegt. Ein genaues Datum wird nicht genannt, aber es gibt Indizien, wie zum Beispiel, dass der Circle die Facebook-Archive aufgekauft hat, unter anderem, um an Informationen aus 2010 zu gelangen, „vor ein paar Jahren“. Bei Orwell und Co ist die Katastrophe schon passiert. Der Schrecken, der von The Circle ausgeht, speist sich aus dem Umstand, dass hier keine völlig veränderte Zukunftswelt dargestellt wird, sondern unsere Welt, die Welt, wie wir sie kennen, und dass diese Welt mit jeder Seite des Roman ein wenig mehr in die Tyrannei abgleitet.

Ein weiterer Unterschied zu den großen Vorbildern, vor allem zu Huxleys Schöne Neue Welt, mit dem The Circle am häufigsten verglichen wird, besteht in der Komposition der Charaktere: Sind bei Schöne Neue Welt alle, wirklich alle Personen Opfer der „Normung“ oder Opfer des Reservatslebens, sind einige Personen in The Circle weiterhin kritisch, was die Überwachung angeht, sind nach wie vor ausgestattet mit der notwendigen Achtsamkeit gegenüber der nicht umkehrbaren Aufgabe des Privaten. Diese Personen – Mercer, der Exfreund von Mae, sowie in abgeschwächter Form ihre Eltern – verlieren jedoch in der Weise ihren Einfluss auf Mae, in der die Geschichte eskaliert. Behutsam lässt Eggers den Schrecken vom Stapel, und insgesamt geht er sehr viel subtiler vor als Orwell, Huxley und Bradbury. Doch gerade die Art und Weise dieser langsamen Zunahme der Absonderlichkeiten, der Grenzüberschreitungen, bei gleichzeitigem Wissen, dass am Horizont der Sturm aufzieht, macht das Buch so interessant.

Zuletzt ist es bei den drei genannten weltliterarischen Dystopie-Klassikern stets der Staat, von dem das Unheil ausgeht. Diesen Topos des bösen, allmächtigen Staats kehrt Eggers in The Circle konsequent um: Wir erleben als Leser live mit, wie ein junger, hipper Technologiekonzern in wenigen Jahren die Grundfesten freiheitlicher Demokratie zerstört, die sich die westlichen Gesellschaften in Jahrhunderten erkämpfen mussten. Hier ist es ein privatwirtschaftlicher Konzern, von dem das Unheil ausgeht, indem er alles Private aufsaugt und kontrolliert.

Kalt lächelnd ins öffentliche Verderben

Der wahre Schrecken steckt jedoch in der Perspektive: Ich habe mich mehrfach dabei ertappt, wie ich neben all der Abscheu auch mitgefiebert habe, als dauerlächelnde High-Potentials auf dem Firmencampus neue Circle-Dienste vorgestellt haben. Über 500 Seiten lang erleben wir ein Loblied auf die neue Technik und hören nur verhaltene Kritik von Außenseitern. Durch den Circle, durch den freien Zugang zu Informationen wird alles besser: Jeder lebt gesünder, die Straßen werden sicherer, kein Kind wird mehr entführt, kein Diebstahl, kein Raubüberfall findet mehr statt. Die pervertierte Philosophie einer uneingeschränkten Offenlegung jedweder Information an jedwedem Ort hat eine gewisse Anziehungskraft. The Circle vermittelt all das zudem über die Coolness und Sympathie der Jugend und Professionalität, und Eggers zeigt somit glaubhaft, dass die freiwillige Gehirnwäsche von Milliarden funktionieren kann.

Ein Augenöffner für alle

Sprachlich, stilistisch, und das ist der einzige deutliche Kritikpunkt, ist Eggers Werk solide. Mehr aber auch nicht. Eggers‘ The Circle ist ein Massenprodukt, und daran ist nichts auszusetzen. Im Gegenteil, Bücher wie The Circle sind gerade aufgrund ihrer Zugänglichkeit ungemein wichtig.

Um aber die obige Frage zu beantworten: Nein, Eggers gehört nicht in eine Reihe mit Orwell, Huxley und Bradbury. Aber er ist nah dran.

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Zudem weiß der Autor, wovon er spricht. Neben seiner Tätigkeit als Schriftsteller ist Eggers auch Gründer des unabhängigen Verlags McSweeney‘s, der unter anderem die Zeitschrift Voice of Witness herausbringt, ein Forum für Zeitzeugenberichte über Menschenrechtsverletzungen.

Müssen wir alle nun Angst vor der bösen digitalen Revolution haben, in deren Zentrum wir uns gerade befinden? Nein, bei weitem nicht, im Gegenteil: Die Vorteile überwiegen unbestritten. Aber es gilt, sich die Gefahren, die jeder Umbruch und jeder Fortschritt mit sich bringen, achtsam zu vergegenwärtigen.

The Circle hilft uns, diese Gefahren ein wenig klarer zu sehen.

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