Arnon Grünberg – Der Mann, der nie krank war

“Es klappt nicht. Er kann einfach kein Verständnis für so etwas aufbringen. Und obwohl er einsieht, dass es etwas Kleinliches hat, so an seiner Kleidung zu hängen, und ganz und gar nicht zu einem weltläufigen Mann passt – einem Mann, der nicht mehr braucht als seine Ideen, sein Notebook und eine Zahnbürste –, will er jetzt nur eins: seine Kleidung zurückhaben.”
– S. 46

Die Werke Arnon Grünbergs waren für mich die literarische Entdeckung des Jahres 2013. Grünbergs “Der jüdische Messias” zeigte mir nach Jahren aufs Neue, wie mutig und radikal moderne Literatur sein kann. Nach der Lektüre des Werkes erhielt ich damals die Gelegenheit, ein Interview mit Arnon Grünberg zu machen, was für einen Blogger sicher nicht alltäglich ist.

Nun also sein neues Werk: “Der Mann, der nie krank war”, erschienen bei KiWi. Allein aufgrund des Autors für mich eine Pflichtlektüre – kann das Werk jedoch halten, was es verspricht?

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Ausgangslage

Im Mittelpunkt der Geschichte steht der Schweizer Samarendra Ambani, Kind indischer Einwanderer. Samarendra, genannt Sam, schätzungsweise Anfang 30, hat ein eigenes Architekturbüro eröffnet und strebt die Nachfolge seines großen Idols Max Fehmer an. Sam ist mit Nina zusammen, einer jungen Frau, die nach Entfernung ihres Damenbärtchens auf Sam irgendwie zu makellos wirkt. Seine beiden großen Leidenschaften sind zum einen die Architektur und zum anderen seine schwerstbehinderte Schwester, der wohl wichtigste Mensch in seinem Leben. Dies ist die Ausgangslage, aus der heraus Grünberg die Geschichte auch in diesem Buch feinsinnig eskalieren lässt.

Sam ist unscheinbar, angepasst, so gut es als Schweizer mit Migrationshintergrund geht, und stets darauf bedacht, professionell zu sein, nirgendwo anzuecken. Er bewirbt sich bei einem Architekturwettbewerb für eine Oper in Bagdad, den er unter dubiosen Umständen auch gewinnt. Die Geschichte beginnt damit, dass Sam nach Bagdad fliegt, um seinen Auftraggeber, den Inhaber des “World Wide Design Consortiums” kennen zu lernen und den Opernentwurf in die Tat umzusetzen. Natürlich kommt alles völlig anders. Sam gerät in Gefangenschaft und erleidet erhebliche Demütigungen.

Nach seiner Freilassung schöpft er kurzzeitig neue Kraft in der Schweiz, um daraufhin wegen eines erneuten Auftrages nach Dubai zu fliegen: Dort soll er, angeblich im Auftrag des Emirs, eine gigantische Bibliothek errichten, die gleichzeitig – und vor allem – als Bunker dienen soll. Sam wäre nicht Sam, wenn er sich dabei nichts weiter dächte und nicht sofort in die Emirate flöge. Dort, in Dubai, nimmt das Schicksal seinen Lauf – und die Eskalation findet ihren Höhepunkt.

Menschgewordene Neutralität

Samarendra Ambani ist ein aalglatter Opportunist, dem leider jedweder Argwohn fremd ist und der vor Naivität nur so strotzt, als wäre sie nicht seine große Schwäche, sondern sein Antrieb. Seine Freundin Nina ist, genau wie er, die fleischgewordene Mittelmäßigkeit, Sam selber betont, wann immer er kann, vor allem eins zu sein: Neutral. Das hören offizielle oder weniger offizielle Stellen im Irak und in Dubai natürlich gar nicht gerne, vor allem dann nicht, wenn sie davon ausgehen, Sam operiere für eine fremde Macht. So wird aus dem englischen “Opera” für Oper schon mal eine geheimdienstliche Operation. Sam, bedacht, nichts falsch zu machen, wagt es nicht, Risiken einzugehen, um all die aufgetretenen Missverständnisse zu entwirren.

Raumvermessung

“Der Mann, der nie krank war” ist eine Geschichte über Räume: Über plastische Räume, die den Gegenstand der Architektur darstellen, aber auch und vor allem über zwischenmenschliche Räume, über Kommunikation, Vertrauen und die unendlichen Weiten der Naivität. Das Werk spielt an drei Orten: In der Schweiz, im Irak und in Dubai. Die Unterschiede dieser drei Länder werden in vielen Details betont, der offensichtliche Kontrast bleibt Sam jedoch verborgen, er versucht krampfhaft, sich anzupassen, missversteht jedoch, dass bestimmte Regeln nicht universell gelten, dass in Notsituationen Kreativität gefragt ist. Sam beherrscht als Architekt mit Leidenschaft die Konstruktion und Dekonstruktion von Gebäuden, von gegenständlichen Räumen aller Art. Die Menschen, die in diesen Räumen leben, versteht er jedoch ausschließlich als “Nutzer”. In menschlichen Beziehungsräumen fühlt sich Sam unwohl, hier gelingt ihm die wissenschaftliche Korrektheit, mit der er architektonische Räume vermisst, nicht – er scheitert am Ende absolut.

Fazit

“Der Mann, der nie krank war” ist ein typischer Grünberg: Die nach außen hin zunächst aalglatte Fassade bröckelt konsequent, bis sie am Ende vollständig zusammenbricht. Grünbergs Meisterschaft besteht darin, das Absurde, das hintergründig Falsche, den allgegenwärtigen Alltagszynismus sichtbar zu machen. Das gelingt ihm auch hier.

Allerdings hatte ich den Eindruck, Grünberg habe sich bei Sam und seiner Geschichte ein wenig zurückgehalten, viele Situationen hätten noch gesteigert werden können, die Bitterkeit des Unvermögens, die eigene Naivität zu überwinden, hätte stärker noch aufblitzen können.

Ich halte “Der Mann, der nie krank war” für ein sehr lesenswertes Buch, das wohl einen guten Einstieg in Grünbergs Werke bietet, jedenfalls eher als das ungleich komplexere “Der jüdische Messias”. Seine Topform erreicht Grünberg hier jedoch leider nicht.

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