Lyrik aus dem Garten: Jan Wagners „Regentonnenvariationen“

Zufallsfund im Lyrikregal der Buchhandlung meines Vertrauens:

Ein Gedichtband des mir zuvor völlig unbekannten Jan Wagner. Gehen wir gleich in medias res, lassen uns überfallen von Wagners Lyrik, so wie ich erfreulicherweise überfallen wurde, als ich das Büchlein erstmals aufschlug:

„versuch über mücken

als hätten sich alle buchstaben
auf einmal aus der zeitung gelöst
und stünden als schwarm in der luft;

stehen als schwarm in der luft,
bringen von all den schlechten nachrichten
keine, dürftige musen, dürre

pegasusse, summen sich selbst nur ins ohr;
geschaffen aus dem letzten faden
von rauch, wenn die kerze erlischt,

so leicht, daß sich kaum sagen läßt: sie sind,
erscheinen sie fast als schatten,
die man aus einer anderen welt

in die unsere wirft; sie tanzen,
dünner als mit bleistift gezeichnet
die glieder; winzige sphinxenleiber;

der stein von rosetta, ohne den stein.“

Mücken kommen im Garten vor, genau so wie Schlehen, Morcheln und Maulbeeren. Wagner nutzt ein sprachliches Makroobjektiv: Er geht ganz nah ran an die Dinge, die er sodann lyrisch aufgreift und in Bildsprache verwandelt. Es sind die kleinen Dinge, die Wagner interessieren. Der Dichter, geboren 1971 in Hamburg, durchmisst in seinen „Regentonnenvariationen„, erschienen bei Hanser, die Welt der Botanik. Ein Beispiel gefällig?

„versuch über silberdisteln

für Reiner Kunze

es gibt die konstellationen
des südlichen und des nördlichen himmels,
und es gibt sie: die silberdisteln.

zu finden beim vieh, auf den weiden,
nicht in den glashäusern und parks.
ihr trick: so dicht am boden
noch schweben zu können,

in asterisken zu glimmen,
bevor die frühe nacht

als schatten einer kuh auf sie fällt.

auch jener astrologe,
der im dunkel zu lesen versteht,
barfuß über die wiese geht,
wird an sie denken.“

Auch ohne grünen Daumen: Jan Wagner, wie es aussieht längst kein Geheimtipp mehr, sollte man gelesen haben.

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