#LawAndLit: Büchners Woyzeck

Recht und Literatur: Georg Büchner – Woyzeck

Heute hat erstmals meine Frau die Ehre, an dieser Stelle einen Text beizusteuern. Anna hat sich im Rahmen des #LawAndLit-Projektes Gedanken zu Georg Büchners “Woyzeck” gemacht:

“Woyzeck – worum geht’s?
Franz Woyzeck ist einfacher Soldat und Vater eines unehelichen Kindes. Das Kind und die Mutter, seine Freundin Marie, versucht er nach Kräften finanziell zu unterstützen. In der Kaserne arbeitet er als Bursche für den Hauptmann. Sein karger Sold reicht jedoch nicht aus, um Marie, das Kind und ihn selbst zu versorgen, sodass Woyzeck außerdem für einen Arzt arbeitet, der in Woyzeck ein Versuchsobjekt sieht und ihn auf eine Erbsendiät, die er erforschen will, setzt. Sowohl der Hauptmann als auch der Tambourmajor nutzen Woyzecks Lage aus und demütigen ihn öffentlich.

Zu dieser problematischen Situation kommt hinzu, dass Marie, der Woyzeck sein gesamtes Geld gibt, eine heimliche Affäre mit dem Tambourmajor hat. Ein Konkurrent, der dem mittellosen Woyzeck sowohl materiell als auch physisch und psychisch überlegen ist.

Woyzeck vermutet die Affäre zunächst nur, sieht seine Befürchtung jedoch bestätigt, als er Marie und den Tambourmajor in einer Wirtschaft gemeinsam tanzen sieht. Der psychisch labile Woyzeck hört anschließend innere Stimmen, die ihm befehlen, Marie zu töten. Er kauft ein günstiges Mordwerkzeug – ein Messer –, lockt Marie zu einem Spaziergang vor die Stadt und ersticht sie dort. Der Leichnam wird gefunden und Woyzeck verdächtigt. Die Klärung der Schuld bleibt im Drama jedoch offen. Möglicherweise gewollt, möglicherweise aber dem Umstand geschuldet, dass Büchner während des Schreibprozesses verstarb und Woyzeck als Fragment hinterließ.

Historische Vorlagen
Im 19.Jahrhundert gab es mehrere Fälle von Eifersuchtsmorden, von denen Büchner sich inspirieren ließ. Im Herbst 1817 brachte der Tabakspinnergeselle Daniel Schmolling in Berlin seine Geliebte um.

Bekannter und stärkere Bezüge zum Drama Woyzeck weist der Fall des Johann Christian Woyzeck auf. Er ermordete seine Geliebte aus Eifersucht 1821. Die Verteidigung J.C. Woyzecks plädierte vor Gericht auf die Unzurechnungsfähigkeit ihres Mandaten, da dessen Handlungen über Jahre hinweg eines Verstandesverwirrung nachzuweisen schienen. Daraufhin wurden vom Hofrat Clarus psychiatrische Gutachten über den Angeklagten erstellt, die für Woyzeck negativ ausfielen, sodass Woyzeck 1824 hingerichtet wurde. Der Fall löste eine Grundsatzdebatte über die Grenzen der Zurechnungsfähigkeit von Straftätern aus.

Der dritte ähnlich gelagerte Fall ist der des Leinwebergesellen Johann Dieß, der im Sommer 1830 seine Geliebte erstach. Eine medizinische Fachzeitschrift veröffentliche 1836 eine zusammenfassende Darstellung der drei Fälle. Büchners Vater, praktizierender Arzt, abonnierte diese Zeitung, sodass Büchner daraus wahrscheinlich von den Fällen erfuhr.

Frage nach der Schuld
Die Diskussion um Schulfähigkeit von Straftätern, die durch die Clarus-Gutachten ausgelöst wurden, nimmt Büchner in seinem Drama auf. Die Frage ist also: Wer trägt die Schuld an Maries Tod? Ist Woyzeck als Täter allein schuldig – beziehungsweise ist er überhaupt schuldfähig? – oder sind es nicht vielmehr die gesellschaftlichen Umstände, die Woyzeck in eine Situation bringen, aus der er keinen anderen Ausweg sieht? Ist es der Arzt, der in Woyzeck keinen Menschen, sondern vielmehr ein Versuchsobjekt sieht und ihm eine Mangelernährung verordnet, die ihm vielleicht gesundheitlich so sehr schadet, dass er Stimmen hört?

Dies sind die Fragen, die Büchner zwar nicht beantwortet. Aber: Fragen allein schaffen bereits Erkenntnis. Wer befragt wird, wird angeregt, selbständig zu denken – auch, wenn letztlich unklar bleibt, wie die Schuldverhältnisse im Drama um Woyzeck auszudifferenzieren sind. Nach heutigen Erkenntnissen würde man Woyzeck wohl aufgrund der durch die Mangelernährung induzieren Wahnvorstellungen in die Forensik einweisen. Und man würde dem Arzt, der Woyzeck bewusst als Versuchskaninchen nutzt, eventuell den Prozess wegen fahrlässiger Tötung machen.

Ist mit dieser denkbaren strafrechtlichen Wertung alles gesagt? Kann durch das Recht der Gerechtigkeit tatsächlich Genüge getan werden? Büchners Woyzeck blieb ein Fragment. Was Büchner im Woyzeck nur fragmentarisch anreißt, kann auch hier nicht beantwortet werden. Klar bleibt jedoch: Sich der Gerechtigkeit durch das geschriebene Recht asymptotisch anzunähern, bleibt auch heutzutage mangels besserer Ideen alternativlos.”

Anna Overbeck-Witte

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