Spontanlyrik #2: Philip Larkin – „Hohe Fenster“

Wie das so ist: Auf dem Bücherflohmarkt ein Buch gefunden, in diesem Fall einen Lyrikband, und zack! – bin ich angefixt. Ich fand (für schlappe 50 Cent) das Buch „Aus den Gedichtbüchern der Bibliothek Suhrkamp“ aus dem…richtig, Suhrkamp Verlag.

Aus den Gedichtbüchern der Bibliothek Suhrkamp

Erscheinungsjahr: 1979, Methode: Eine Zusammenstellung großer Lyriker, die in den vorangegangenen Jahren bei Suhrkamp erschienen waren. Zu jedem vorgestellten Poeten gibt es ein Foto, eine Kurzbiographie und einige ausgewählte Gedichte. Mit von der Partie sind Größen wie Hesse, Brecht, Celan, Trakl, Plath, Sachs, Hofmannsthal – und eben Philip Larkin, der mich spontan für sich einnehmen konnte.

Hohe Fenster

Wenn ich zwei junge Leute sehe
Und schätze, er fickt sie und sie
Nimmt die Pille oder trägt einen Pessar,
Weiß ich, das ist das Paradies

Von dem die Alten träumten lebenslang –
Bindungen, Gesten beiseite gerückt
Wie einen ausgedienten Mähdrescher,
Und alle Jungen flitzen über die lange Bahn

Dem Glück zu, endlos. Ich möchte wissen, ob
Vor vierzig Jahren mich einer ansah
Und dachte, So wird das Leben sein
Kein Gott mehr, keiner schwitzt mehr im Dunkeln

Wegen der Hölle, keiner verbirgt mehr
Was er vom Priester hält. Der
Und Kerle wie der schlittern die Bahn hinab
Verdammt freie Vögel.
Und sogleich,

Wortlos, kommt der Gedanke an hohe Fenster:
Das sonnumfangende Glas,
Und dahinter die tiefe blaue Luft,
Nichts zeigt sie, ist nirgends, ist endlos.

Aus dem Gedichtzyklus „High Windows“, 1974

Der Brite Philip Larkin, geboren 1922 in Coventry, gehört zu den etabliertesten und bekanntesten britischen Dichtern der Nachkriegszeit, trotz einem lyrischen Œvre von nur etwa 100 Gedichten. Während bei Kafka ein Buch sinngemäß die Kraft haben muss, den inneren See in uns zu spalten, so müsse laut Larkin jedes Gedicht in der Lage sein, „das Kind seinem Fernsehapparat und den alten Mann seiner Kneipe fernzuhalten.“

3 thoughts on “Spontanlyrik #2: Philip Larkin – „Hohe Fenster“

  1. Nur zur Information: Den vollständigen Gedichtzyklus „High Windows. Hohe Fenster“ gibt es mittlerweile als zweisprachige Ausgabe (Stuttgart, 2016), für 18 Euro bei booklooker.de oder im Buchhandel.

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