Doppelrezension: “Traumnovelle”

Arthur Schnitzler, mein Liebling unter den Jungen Wienern, hat mit der Traumnovelle 1925 nicht nur einen Klassiker vorgelegt, der bis heute Gegenstand vielfältiger Interpretationsversuche ist, sondern nun ist er auch in grafischer Form gewürdigt worden: Jakob Hinrichs verarbeitete den Stoff der Traumnovelle in eine Graphic Novel, die ich über die Büchergilde Gutenberg bezog. Ich habe mir beide Werke, die literarische Vorlage und die grafische Adaption, zu Gemüte geführt und will einige Zeilen dazu loswerden.

Schnitzlers Traumnovelle von 1925

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Der ungefähre Inhalt dieses klassischen Werks der Kaffeehausliteratur dürfte spätestens seit der (sehr gelungenen) Verfilmung von Stanley Kubrick bekannt sein (Eyes Wide Shut). Arzt Fridolin und seine Frau Albertine gehören zur Wiener Oberschicht, wahrscheinlich zur Jahrhundertwende, haben eine kleine Tochter, ein Hausmädchen und viel zu wenig Sorgen. Sie verbringen ihre Zeit auf Bällen und im Urlaub, beispielsweise in Dänemark. Mit der Zeit scheint sich aufgrund dieses sorgenfrei-leichten Lebens ein Überdruss aufgestaut zu haben, ein Verlangen nach Mehr, vor allem nach scheinbar unerfüllter sexueller Begierde. Fridolin erlebt in einer – für die damalige Zeit – recht turbulenten Nacht allerhand absonderliche Situationen, gerät auf einen geheimen Maskenball, der in eine Art Orgie mündet. Fridolin wird barsch des Platzes verwiesen und beginnt, Nachforschungen anzustellen. Albertine hingegen träumt für die damalige Zeit ähnlich Unerhörtes, das über einen reinen Ehebruch hinausgeht.

Die Novelle ist aus der Sicht von Fridolin geschrieben, der jedoch nicht als Ich-Erzähler auftritt. Dabei gelingt Schnitzler das Kunststück, den Protagonisten dem Leser gleichzeitig sehr nahe zu bringen und doch auf Distanz zu halten: Fridolin träumt, er träumt die gesamte Zeit über, entweder im tatsächlichen Schlaf, als Tagtraum oder in Form eines sehnsüchtigen Sich-Hereinsteigerns in etwas, das er nicht ist. Diese Traumwelten werden ausdifferenziert beschrieben, am Ende der Geschichte jedoch, wenn Fridolin gleichsam “aufwacht”, weiß der Leser keinesfalls, wer Fridolin wirklich ist. Der Leser träumt mit Fridolin, nimmt Anteil an dessen kurzzeitiger Veränderung und weiß dabei über die gesamte Zeit nicht, ob dieser Fridolin, mit dem er fühlt, in seinen Anlagen bereits so ist, wie er es sich erträumt: Mutig, kühn, bereit, alles für kurze, aber heftige sexuelle Erfüllung aufzugeben. Am Ende wird klar, dass der Traum der Eheleute nur auflösbar ist durch offene und ehrliche Kommunikation. Der Eskapismus in den Traum war notwendig, um den Alltag klarer zu sehen.

Die Traumnovelle hat mir außerordentlich gut gefallen. Sprachlich und inhaltlich harmonisch, regt das Werk zum Nachdenken an über Alltag und Traum. Ein großes Stück Weltliteratur, das meiner Meinung nach in der öffentlichen Wahrnehmung ein wenig unterschätzt wird.

Jakob Hinrichs’ grafische Adaption

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Ich habe es versucht. Ich habe wirklich versucht, mich nach einigen Verrissen möglichst objektiv an diese Graphic Novel zu setzen und sie unvoreingenommen auf mich wirken zu lassen. Und ich bilde mir ein, das auch geschafft zu haben. Dennoch muss auch ich festhalten, dass ich dieses Comic von Hinrichs für in keinster Weise gelungen halte.

Ich habe nichts gegen Comics, bei denen man für jedes Panel einige Zeit braucht, um es zu verstehen, bei denen das Lesen dem Leser einiges abverlangt. Dies ist hier jedoch, trotz des hohen Maßes an Abstraktion und teils strenger Bildkomposition, nicht der Fall. Die Traumnovelle nach Hinrichs spielt im Hier und Jetzt, in unserer heutigen Zeit, und bereits das halte ich ganz persönlich für eine Fehlentscheidung. Heute vermag uns aufgeklärte, gebildete Westeuropäer nichts mehr zu schocken. Zur Erscheinungszeit der ursprünglichen Traumnovelle war das vollkommen anders. Dadurch klafft die Schere zwischen Inhalt und Form das erste mal ein wenig auseinander: Das Traumhafte, das dem Verbotenen anhaftet, schafft den Zeitsprung ins Heute nicht. Hinzu kommt, dass Hinrichs diesen Zeitsprung sprachlich nicht durchhält: Mal bedienen sich die Personen einer modernen Sprache, um dann wieder altbacken von Ehrverletzung und Genugtuung zu sprechen. Das ist inkonsequent.

Ich bin kein Freund flächiger Farben, und davon hat dieses Comic eine Menge. Doch auch jenseits dieser persönlichen Geschmacksfrage bin ich der Ansicht, dass die Art und Weise der Farbnutzung hier dem schnitzler’schen Ursprungswerk nicht gerecht wird: Die Farben sind, wie die gesamten Zeichnungen und vor allem auch das Lettering, plakativ, ja, schreiend, aufdringlich. Jener andeutungsweise, subtile Stil der Novelle geht dabei verloren.

Jakob Hinrichs gebührt dennoch Anerkennung für den Mut, die Adaption in dieser Form zu gestalten. Das – von der Vorlage stark abweichende – Ende ist innovativ, indem es einen Einblick der besonderen Art in das Innenleben von Fridolin erlaubt.

Neben der völligen Verkennung des sfumatoesquen Tons der Novelle fehlt der Adaption auch ein weiteres Wesensmerkmal: Der ehelichen Binnenkommunikation zwischen Fridolin und Albertine, tragendes Thema der Vorlage, wird so gut wie kein Raum gegeben.

Damit vollführen in dieser Graphic Novel Inhalt und Form einen Spagat, bei dem das Werk zerbersten muss. Schade, hat die “Traumnovelle” meiner Ansicht nach doch großes Potential für eine grafische Umsetzung.

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