Leif Randt: Planet Magnon

„Du würdest das Tier verunsichern. Du hältst noch an Dingen fest, denen du insgeheim längst misstraust. Ein erfahrenes Tier könnte das ausgleichen. Ein gewisses Potenzial hast du wohl, ich denke, du würdest nicht stürzen…“

Das ist sie also, die deutsche Science-Fiction. Leif Randt, bekannt geworden mit „Schimmernder Dunst über Coby County“, hat sich mit dem bei KiWi erschienenen „Planet Magnon“ an ein Genre gewagt, hat es gewagt, einen sogenannten Genre-Roman zu schreiben. Und das in einem Land, in dem Science-Fiction-Literatur immer noch primär mit Perry Rhodan und Co assoziiert wird. Allein das verdient Lob: Ja, liebe Autorinnen und Autoren dieses Landes – schreibt mehr SciFi! Ich bitte darum. Das Genre steckt voller Möglichkeiten, inhaltlicher wie formeller, die es auszuloten gilt, deren Umsetzung begeistern kann.

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Worum geht es? Oder, die genretypisch bessere Einstiegsfrage: Wie gestaltet Randt hier den Weltenbau, der für SciFi-Romane so wichtig is? Randt kreiert ein Sonnensystem, in dem Ruhe und Vernunft vorherrschen. Die Menschheit hat sechs Planeten und zwei Monde besiedelt, auf denen nun eine Art endloser Frieden herrscht. Die Planeten haben Namen wie „Blossom“ oder „Cromit“, und bereits mit der Namensgebung eines der Monde – „Toadstool“ – zeigt Randt, dass zum Ganzen ein guter Schuss Ironie und Augenzwinkern gehört.

Die Planetenbewohner in diesem Sonnensystem haben keine Probleme. Ein gigantischer Supercomputer namens ActualSanity, der alles und jeden überwacht und ausliest und somit überirdische Datenmengen präzise algorhythmisch ausanalysiert, trifft die richtigen Entscheidungen für alle Planeten und deren soziale Struktur. Alle sind satt, alle haben genug von allem, man ist gesund, man langweilt sich. Also treten die Menschen in eine Art Konkurrenz der Lebensstile ein. Pioniergeister gründeten sogenannte „Kollektive“, teils sektenähnliche Gruppierungen, die dabei helfen, einen bestimmten Lebensstil zu führen, um das zu empfinden, wonach alle streben: Glück.

Der Protagonist, Marten Eliot, ist Spitzenfellow des Dolfin-Kollektivs. Das bedeutet in etwa, dass er als Botschafter der von ihm und seinen Fellows vertretenen Lebensweise durch das Sonnensystem reist und Werbung für die Ideen, Ansichten, Methoden und Ziele des Dolfin-Kollektivs macht.

Diese Reise Martens von Planet zu Planet mit dem Ziel der Mitgliederanwerbung bildet den (sehr losen) Rahmen des Plots. Ansonsten geht es in dieser Welt, die nichts kennt außer der Kollektiv-Konkurrenz um das gute Leben noch um das aufstrebende, neue „Kollektiv der gebrochenen Herzen“, das antritt, Vieles zu verändern und sich sogar zaghaft der ansonsten überwundenen Gewalt bedient. Meiner bescheidenen Meinung nach ist der Plot hier jedoch nicht allzu wichtig. Randts „Planet Magnon“ ist ein Buch, das vor allem über die sprachliche Form, über das vermittelte Lesegefühl funktioniert.

Die besten Stellen sind diejenigen, in denen Marten mit den anderen Fellows seines Kollektivs darüber fabuliert, welche neuen Psycho-Techniken angewandt werden sollten, um im Sinne der vorherrschenden ultra-sachlichen PostPragmaticJoy-Doktrin noch mehr Lustgewinn einzufahren. Hier wird sehr schnell deutlich, was die Kollektivisten sind: Arme Seelen, emotional leergefegt mangels etwas außer ihnen selbst, für das es sich zu Leben lohnen würde.

Randt beschreibt dies neben einer guten Portion Ironie mit dem maximalen Lakonismus. Ruhig, präzise, nüchtern, eben postpragmatisch, echt dolfin – die Personen wabern stoisch durch die (dünne) Story und versuchen verzweifelt, einen Unterschied zu machen. Diese umfassende Sachlichkeit, mit der Randt, trotz Ich-Perspektive, eher berichtet als erzählt, ist zugleich auch die Krux dieses Buches. Denn es fehlen narrative Ausbrüche, ein gelegentliches Aufblitzen all dessen, was jenseits der universalen Pragmatik stattfindet. Die gebrochenen Herzen werden nur angedeutet. Gewalt hat eher den Charakter eines harmlosen Protests mit faulen Eiern. Es gibt Exzesse, aber die sind ebenso kalkuliert wie alles andere, was die Personen hier tun. Der Leser schwingt mit, ja, und die Lebensstil-Konkurrenz ist interessant, aber man wird nicht überrascht. Man wird nicht verblüfft. Langweilig ist „Planet Magnon“ dennoch nicht, dank vieler Anspielungen auf unsere heutige, teilweise ähnlich verwöhnte Gesellschaft wie hier auf den Planeten Blossom und Co.

Fazit: Randt zeigt nüchtern auf, dass es in einer Gesellschaft, die keine wahren Probleme kennt, auch kein wahres Glück geben kann. Wer also des Öfteren mal an first-world-problems leidet („da sind Krümel in meinem Toaster!“), der wird nach der Lektüre von „Planet Magnon“ häufiger lächelnd an Marten und das Dolfin-Kollektiv zurückdenken. Und froh sein, dass es so weit noch nicht gekommen ist.

2 thoughts on “Leif Randt: Planet Magnon

  1. Ich habe vor einiger Zeit wieder das Interesse für die SF-Literatur gefunden. Die spannende Frage ist für mich dabei, wie sich die Menschen in der Zukunft den Herausforderungen stellen, wie sie ihre Welt, in der sie leben müssen, meistern. Obwohl mir Randts Debüt nicht so sehr zugesagt hat, würde ich seinen neuesten Streich sehr gern lesen wollen.

    • Liebe Constanze,

      danke für deinen Kommentar. Ja, es stimmt: SF ist faszinierend. Hier wird es wohl demnächst mehr davon – bzw. darüber – zu lesen geben. Auch hoffe ich, dass mehr deutschsprachige Autoren sich an dieses Genre heranwagen.

      Beste Grüße,
      Tobi

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